Irgendwo zwischen Omiš und Split, in einem Hinterhof ohne Schild und ohne Bühne, stehen vier Männer im Halbdunkel. Kein Instrument, kein Mikrofon. Einer beginnt — ein einzelner Ton, rau und warm wie Steinplatten im August. Dann setzt der zweite ein, reibt sich mit dem ersten, bis die Spannung fast unerträglich wird. Der dritte und der vierte schließen den Kreis. Plötzlich ist es kein Gesang mehr, sondern ein Atemzug, den alle gleichzeitig tun. Das ist Klapa.
Mehrstimmigkeit als Lebensform
Klapa — das Wort bedeutet schlicht Gruppe, Haufen, Gesellschaft — ist eine vokale Tradition aus Dalmatien, die seit 2012 zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Doch wer glaubt, das sei ein museumsreifes Präservat, hat die Praxis nie erlebt. Klapa lebt in Kellern, auf Friedhöfen, in Umkleidekabinen. Sie wird gesungen, wenn jemand heiratet, wenn jemand stirbt, wenn ein Spiel gewonnen wurde — und manchmal einfach, weil die Nacht es verlangt. Die Grundregel ist bestechend einfach: Keine Stimme darf die andere übertönen. Wer zu laut singt, zerstört das Ganze. Wer zu leise ist, fehlt.
„Složno ko klapa."
— Dalmatinisches Sprichwort, bedeutet sinngemäß: ‚Einig wie eine Klapa' — verwendet, wenn eine Gruppe in seltener Harmonie handelt oder spricht.
Dasselbe Prinzip, anderer Rasen
Es wäre zu einfach zu sagen, die kroatische Nationalmannschaft spiele wie eine Klapa. Aber es wäre auch nicht ganz falsch. Was Beobachter an dieser Mannschaft über Generationen hinweg fasziniert hat, ist nicht die Dominanz einzelner Solisten — obwohl es sie gab —, sondern die Fähigkeit, unter Druck ein kollektives Muster aufrechtzuerhalten. Das schachbrettgemusterte Trikot, das Vatreni, die Feurigen, tragen, ist selbst ein Raster der Gleichwertigkeit: Jedes Feld zählt gleich viel, keines sticht heraus. In einem kleinen Land, das erst seit wenigen Jahrzehnten als Staat auf der Landkarte steht, hat Gemeinschaft keine Selbstverständlichkeit — sie ist eine täglich erneuerte Entscheidung. Genau das hört man in der Klapa heraus.
Zur WM 2026, die erstmals auf drei Kontinente verteilt werden könnte — nein, auf drei Länder, USA, Kanada und Mexiko — reist Kroatien nicht als Titelfavorit, aber als eine Mannschaft, die gelernt hat, größer zu klingen als sie ist. Nicht durch Lautstärke, sondern durch Präzision im Zusammenspiel. Und wenn nach dem letzten Pfiff irgendwo in einem Umkleideraum in Dallas oder Toronto jemand zu singen beginnt, ist die Wette nicht schlecht, dass die anderen einsetzen — erst einer, dann zwei, dann alle. Nicht weil es geplant ist. Sondern weil es so geht, wenn man zusammen gelernt hat, wie man zusammen klingt.
arrow_back Voltar para a revista