Die Sonne steht schon tief über dem Plateau von Abidjan, als die Straßenverkäufer ihre letzten Mangos einpacken. Der Verkehr stockt nicht, er pulsiert. Motorräder schlängeln sich zwischen den gelben Taxis hindurch, während aus offenen Fenstern die tiefen Bässe eines Zouglou-Songs dröhnen. Ein junger Mann auf einem Roller singt mit, die Hand locker am Lenker. Niemand scheint es eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Es geht um den Weg. Um den Klang. Um das Zusammensein.
Ein Land, das sich selbst neu erfindet
Die Elfenbeinküste ist kein Ort simpler Erzählungen. Nach Jahren politischer Unruhen und einem Bürgerkrieg, der das Land in den Nullerjahren tief spaltete, hat sich hier eine Gesellschaft entwickelt, die Vielfalt nicht nur toleriert, sondern als Lebenselixier begreift. Über 60 ethnische Gruppen leben hier nebeneinander – Baoulé, Bété, Sénoufo, Malinké und viele mehr. Jede bringt eigene Sprachen, eigene Feste, eigene Kochtraditionen mit.
Musik als universelle Sprache
Wer durch die Viertel von Abidjan oder die Dörfer des Nordens reist, versteht schnell: Musik ist hier kein Soundtrack, sondern das Gerüst des Alltags. Der Zouglou, in den 90er Jahren in den Studentenvierteln entstanden, erzählt noch heute von sozialen Missständen und Alltagsironie. Später kam der Coupé-Décalé dazu – eine Mischung aus kongolesischem Rumba und lokalen Rhythmen, die in den Pariser Clubs der ivorischen Diaspora geboren wurde und von dort zurück in die Heimat strahlte.
„On est ensemble!"
— Ivorisches Lebensmotto und Schlachtruf der Nationalmannschaft
Dieser Satz „On est ensemble“ – Wir sind zusammen – ist mehr als ein Slogan. Er beschreibt eine Haltung, die nach den Konflikten der Vergangenheit bewusst gepflegt wird. In den Maquis, den typischen kleinen Garküchen, sitzen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, teilen Attiéké mit Fisch und lachen über dieselben Geschichten.
Zwischen Tradition und urbaner Moderne
Während in den Hochhäusern von Abidjan junge Designer und Tech-Startups die Zukunft gestalten, halten viele Familien auf dem Land die alten Riten lebendig. Die Maskentänze der Sénoufo im Norden sind keine Touristenattraktion, sondern zentrale Elemente der Initiationsrituale. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die mit einem Fuß in der digitalen Welt steht und mit dem anderen in den Geschichten der Großeltern verwurzelt bleibt.
Die nächste Generation schreibt das Kapitel weiter
In den Schulhöfen und auf den Bolzplätzen mischen sich heute Kinder von Einwanderern aus Burkina Faso, Mali und Ghana mit lokalen Jugendlichen. Die Elfenbeinküste ist seit Jahrzehnten ein Magnet für Arbeitsmigranten aus der gesamten Region. Diese Durchmischung hat eine einzigartige urbane Kultur hervorgebracht, die sich weder rein afrikanisch noch französisch nennen lässt – sie ist einfach ivorisch.
Wenn die Nationalmannschaft bei der WM 2026 aufläuft, werden Millionen nicht nur ein Spiel sehen. Sie werden ein Land sehen, das trotz aller Herausforderungen an seinem Motto festhält: On est ensemble. Und vielleicht liegt genau darin die größte Stärke der Elfenbeinküste – die Fähigkeit, Unterschiede nicht zu glätten, sondern sie in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen.
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